VISIT LINZ
16.07.2020

„Linz ist bunter als Hamburg!“

Alexandra Pervulesko holt das legendäre Badcafé zurück ins Leben: mit viel Live-Piano und gemütlicher Atmosphäre.

Es ist nicht ganz leicht, aber angenehm, sich mit Alexandra Pervulesko einen Termin auszumachen. Die Vormittage braucht sie zur Erholung, weil sie jede Nacht in ihrer Bar steht – und das, obwohl sie gar keine „Nachtelster“ sei. Immerhin ist jetzt dienstags Ruhetag, und einen der ersten freien Tage opfert sie für dieses Gespräch.  Das im Übrigen ein Interview hätte werden sollen, aber sie erzählt so mitreißend, dass die Fragen der Autorin gar nicht nötig sind, um das Interview in Gang zu bringen.

Der Erfolg ihres Badcafés fordert die frühere Sängerin und Schauspielerin gehörig, macht sie aber sichtlich glücklich. Ihre nächste große Herausforderung sei es, sich ein wenig entbehrlicher zu machen. Das Café läuft „megasuper“, seit sie es im vergangenen September eröffnet hat.

Geboren wurde Pervulesko 1969, sie wuchs zuerst in der Lederergasse, später in Walding auf. Mit 16 ging sie nach Wien, um die Schauspielausbildung zu machen, mit 18 nach Berlin. Nach Linz kam sie nur noch, um die Eltern zu besuchen. Ihre Sprache ist von ihrer Arbeit sowie den Jahrzehnten im Ausland geprägt, das Oberösterreichische scheint sich aber wieder Bahn zu schlagen. Mit ihrem Sohn wechselt sie zwischen fließendem Spanisch und Deutsch. Ersteres hat sie erst während ihrer Zeit in Andalusien gelernt. „Ich konnte nur einen Satz – 'quiero vino tinto'. Also habe ich drei Monate lang nur Rotwein getrunken, obwohl ich den gar nicht mochte“, sagt sie und lacht. Schon in Köln hat sie eine überaus beliebte Bar geführt. Später lebte sie sieben Jahre in Hamburg, wo sie das größte Erstaufnahmezentrum leitete. „Ich hab' ein Helfersyndrom“, sagt sie über die nicht ganz leichte Zeit; aber es hätten ihr zu viele der Flüchtlinge gesagt, sie wüssten ohne sie nicht weiter, als dass sie gleich wieder aufgeben hätte können.

So wie seine Wirtin hat auch das Badcafé selbst genau die Vergangenheit, die eine Legende braucht. In den 1970ern war es das erste Schwulenlokal in Linz, es gab damals schon lässige Musik; auch Studierende der nahen Kunstuni kamen gerne. Kellner war Julius Zechner (1958 – 1992), Gitarrist der legendären Band "Willi Warma" und jener Linzer, der sich als Erster öffentlich als Homosexueller outete, der Gründungsmitglied der HOSI und der Aidshilfe war.

Dass es heute wieder einen Lesbenstammtisch gibt, verdankt Linz Alexandra Pervulesko. 30 Jahre war sie kaum in Österreich. In Deutschland nannte man sie „von Pervulesko“, „aber darauf lege ich keinen gesteigerten Wert.“ Mit dem Badcafé verbindet Pervulesko frühe Kindheitserinnerungen, schon ihr Vater Klaus hat sich hier mit anderen Schauspielern getroffen. „Das Badcafé war immer in meinem Kopf. Irgendwann gehört's mir, habe ich gedacht.“

Als nach dem Tod des Vaters die Mutter erkrankte, beschloss sie, heim nach Linz zu kommen. Wie geht’s eigentlich einer Weltenbummlerin, wenn sie nach Linz zieht?

„Ich habe in vielen Großstädten gelebt. Ich hab' gedacht, es würde mir schwerer fallen, wieder hier zu sein. Aber ich hab's noch keinen Tag bereut! Ich bin wieder heimgekommen. Das Leben ist schön hier. Und es ist bunter als in Hamburg!“ Sie verwahrt sich entschieden gegen den Einwurf der Interviewerin, jetzt schwindle sie aber (nur auf sehr schöne Weise). „Nein! Linz ist so wunderbar unaufgeregt. Wenn in Hamburg 40 Lesben eine Bar betreten, wird sofort die Polizei gerufen. In Linz regt das niemanden auf.“

Dann beginnt sie zu erzählen. „Das Badcafé ist ein Szenelokal im besten Sinne – es spielt keine Rolle, ob jemand reich ist. Hauptsache, die Leute sind super. Ich war am Anfang streng bei der Auswahl, wer hereindarf, aber das zahlt sich jetzt aus; ich habe sehr viel weibliches Publikum, weil sich Frauen hier sicher sein können, dass sie nicht blöd angegraben werden. Grundsätzlich ist es eine Cocktailbar im Stil der 20er-Jahre mit Kino-Raum und langer Theke. Und es gibt ausgewählte Weine, das Preis-Leistungsverhältnis ist der Kracher. Es kommen etliche nur deswegen zu mir. Bei mir soll man sich nicht nur ein Achterl leisten können, sondern fünf. Bestellen kann man aber alles hier, ich habe da keine Dünkel.

Immer, wenn ich Zeit habe, singe ich. Milan Conic ist „Resident Piano Player“. Bei mir muss ein Kellner singen und zwischendurch ans Piano gehen können. Tucholsky, Brecht, Weill – was eben zur Bar passt.

Ich weiß nie, was an einem Abend passieren wird. Gerade war eine Sopranistin von der Moskauer Staatsoper da, die wegen Corona nicht heim kann. Die Leute haben alle geheult, als sie sang, ein richtiger Weltstar! Und sie hat gleich nach ihrem Auftritt gefragt, ob sie wiederkommen kann – cooler geht’s doch nicht!

Ich krieg' Anrufe aus New York von Künstlern, die auf Europatournee sind und bei mir auftreten wollen. Jeden Sonntag gibt es eine Jam-Session, da spielen bis zu 20 Leute miteinander, viele von der Bruckner-Uni, das sind superfleißige Jungs und Mädels. Heute Abend haben Leute vom Landestheater reserviert, die können hier proben und gepflegt trinken, das ist gerade während Corona für sie super.“

Ein Rosenverkäufer kommt an unserem Tisch vorbei, sagt „Alex gute Frau!“ und geht seiner Wege. Bei ihr ist auch er willkommen, das gehört zur „Firmen-Philosophie“:

„Im Winter kam eine Frau herein, sie wirkte etwas abgerissen und bat darum, sich bei mir ein wenig aufwärmen zu dürfen. Irgendwann hat sie begonnen, mich und meine Gäste zu zeichnen, das waren so gelungene Karikaturen, dass alle porträtiert werden wollten. Sechs Wochen später gab's dann eine Ausstellung mit diesen Zeichnungen, jeder hat ihr sein Bild abgekauft.“

Es ist angenehm ungewohnt, dass jemand so stolz auf das Geleistete ist, ohne in irgendeiner Weise anzugeben.

„Wir haben das mit unseren eigenen Händen aufgebaut, meine Ex-Frau ist zum Glück Schreinerin. Das war ja eine schimmlige Erdhöhle – war das anstrengend! Ich bin am 28. Juni 2019 hier gelandet und habe direkt angefangen, zu arbeiten. Am 15. September war die Eröffnung. Wenn es nach mir gegangen wäre, wäre alles noch schneller gegangen. Das ist ein super Platz geworden. Ich habe mich gefragt, was ich selbst denn gerne hätte, ich bin ja eine Feier-Else – das Badcafé ist die Antwort: Ein Ort, an dem Schwule, Lesben, Heteros, Alte, Junge zusammenkommen, die nicht nur sitzen und trinken wollen, ganz unterschiedlich! Das macht einfach Spaß, es ist fast ein kleines Theater. Was wir hier machen, gehört jetzt zur Altstadt.“

 

Badcafé Linz

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