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03.12.2020

Der magische Raum im Theater des Kindes

Kinder brauchen Theater, denn „Kunst und Kultur macht aus halben Portionen ganze Persönlichkeiten“, wie eine Kampagne der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung einst lautete.

Thomas Bammer

Das Theater verbindet intellektuelle mit sinnlichen Fähigkeiten und leistet somit einen unverzichtbaren Beitrag für eine Gesellschaft, für Bildung und Persönlichkeitsentwicklung jedweder Altersstufe. In Linz gibt es das Theater des Kindes, das diesem Ruf folgt und Stücke für alle Alterskategorien anbietet.

Da die Vorstellungen bis auf Weiteres ausgesetzt sind, traf ich mich stattdessen zum Gespräch mit Schauspieler Thomas Bammer, der seit diesem Jahr Teil des Ensembles ist und mit den Kolleginnen und Kollegen unermüdlich probt - ganz im Sinne von Beppo Straßenkehrer … nehme ich an?

Ihr habt derzeit vier Neuproduktionen in Planung, eines davon ist die Geschichte von Momo (ab 22. Jänner 2021). Meine liebste Figur war stets Beppo Straßenkehrer, der in beinahe buddhistischer Ruhe einen Schritt nach dem anderen tut, einem Atemzug nach dem nächsten. Was erzählt er uns in dieser Zeit?

Beppo Straßenkehrer war auch schon immer meine Lieblingsfigur in Momo und ich habe mich sehr auf diese Rolle gefreut. Er ist eine Figur ohne jegliche Ideologie und intellektuellem Mitteilungsbedürfnis und transportiert und verkörpert doch (oder gerade deshalb) die ganze „Message" dieses Romans. Wir leben in unserer westlichen Welt in einer Zeit, in der die Menschen vermehrt nach Achtsamkeit und Entschleunigung in ihrem Leben suchen, letztendlich in der Hoffnung, sich wieder selbst zu spüren. Dieser alte Mann versagt auf der ganzen Linie bei dem Versuch, effektiver, schneller, moderner(?) zu funktionieren und teilt dem Kind Momo begeistert seine Erkenntnis mit: Es macht viel mehr Spaß, einfach im Moment zu sein. Und die Straße ist am Ende trotzdem gekehrt!

 

Ein anderes Stück, das ihr (hoffentlich) spielen werdet, ist Ein Schaf fürs Leben für Kinder ab fünf Jahre. Hier erfährt vor allem der Wolf, wie es sich anfühlt, gemeinsam mit einem Freund aufregende Erlebnisse zu teilen - etwas, das allen Kindern derzeit möglicherweise fehlt. Was ist dein Lieblingssatz aus dem Stück? Und: Was macht das Schaf so „famos“, wie es der Wolf ausdrückt?

Ein Schaf fürs Leben ist ein Stück voll feinen Humors mit zwei äußerst unterschiedlichen Figuren, deren Welten aufeinanderprallen. Der Wolf findet das Schaf zunächst als Delikatesse sehr „famos“; ihm läuft schon das Wasser im Mund zusammen, wenn er es erblickt … Im Laufe des Stücks verändert sich das Verhältnis der beiden zusehends. Mein Lieblingssatz stammt vom Schaf, als es sich freut, dass der weit gereiste Wolf ihm die Möglichkeit gibt, endlich den Schafstall zu verlassen und die große Welt kennenzulernen. Es fragt den Wolf: „Wie weit ist es denn nach Erfahrungen?“ und kommt gar nicht auf die Idee, dass es möglicherweise in Gefahr schwebt. Sein unerschütterliches Vertrauen oder seine absolute Unwissenheit und seine Hilfsbereitschaft machen das Schaf „famos“.   

 

Es gibt noch andere Stücke in Planung und Wiederaufnahme. Gibt es einen persönlichen Favoriten? 

An meinem Favoriten arbeiten wir gerade … Gottseidank können wir trotz Lockdown zumindest die Probenarbeit weiterführen. Ich bin aber auch sehr gespannt auf Donna Quichote, das im Rahmen des nächsten Schäxpir-Festivals Premiere haben wird.

 

Das Theater gilt als magischer Raum. Was bedeutet das für dich?

Die Frage freut mich, sie bringt auf den Punkt, worum es nach meiner Meinung im Theater geht: Magie! Es die Verwandlung, die seit jeher Theater zu einem magischen Raum macht. Das Publikum und die Theaterschaffenden erschaffen gemeinsam den Raum, in dem aus Fiktion, Phantasie und Behauptung eine neue Realität entsteht, welche gemeinsam erlebt wird und trotzdem für jeden Einzelnen ganz verschieden sein kann. Im Grunde geht es um permanente Geburtsprozesse.

Die Kunst besteht darin, mit den bestehenden Möglichkeiten zu arbeiten.

Ja, arbeiten wir mit den Möglichkeiten, denke ich.

„Man muss nur an den nächsten Schritt denken“, sagt Beppo Straßenkehrer in Momo, „den nächsten Atemzug, den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten“ Schritt für Schritt, Atemzug für Atemzug, bis Magie entsteht.

Kunst und Kultur haben bewiesen, dass sie verantwortungsvolle Konzepte erarbeiten und somit nicht Teil des Problems sind, sondern Teil der Lösung. Denn nicht nur Kinder brauchen; wir alle tun das, denn Kunst und Kultur nähren die Seele wie das Denken, eröffnen Räume. Nutzen wir den Raum, der sich uns bietet, während wir voller Erwartung auf die Öffnung der Spielstätten warten: Sowohl Momo als auch Ein Schaf fürs Leben und Don Quichote beruhen auf Büchern, die zu lesen sich lohnt.

Zu jeder Zeit.

Immer.

Theater des Kindes

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