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06.08.2020

Die beglückte Stadt – Lesungen in den Höhen von Linz

Ah, welch ein Zauber, welche Schöne!/ Glücksel'ges Band, das unsrer Stadt/ Zum Heil du geknüpft! (Aristophanes. Die Vögel)
Es gibt ein Wolkenkuckucksheim in den Höhen von Linz. Über den Dächern, zwischen Himmel und Erde liegt der Ort, von dem wir immer träumten, endlich. Und anders, als es sich gewöhnlich verhält mit den Wolkenkuckucksheimen dieser Welt, bleibt es nicht beim Träumen.

Als Kooperation vom Adalbert-Stifter-Institut, dem Stifterhaus Linz und der Oberösterreichischen Landes-Kultur lässt das Stifterhaus, gewöhnlich am Adalbert-Stifter-Platz für alle Belange rund um die Literatur verantwortlich, an diesem Ort Poeten und Poetinnen schalten und walten, um die Menschen mit Sinn, Schönheit, Freude und innerer Gesundheit zu nähren. Und somit geschieht auf dem Dach des Höhenrausches, wonach die Vögel in Aristophanes‘ gleichnamiger Komödie einst strebten, als sie ein neues Athen erbauen wollten, ein besseres Athen: die bessere Stadt zu errichten. Bei dem griechischen Komödiendichter, auf den die Wolkenkuckucksburg zurückgeht, die erträumte Fantasie der beglückten Stadt, nämlich blieb die Beglückung aus, denn dort wollten die Menschen dem Menschsein entfliehen und das zu erschaffende Reich als Vögel bewohnen. 

Das ist zum einen schlecht für die Menschen selbst, weil sie die Erde verdunkelt vorfinden (und bekotet), und obendrein schlecht für die Götter, weil sie von den Opfergaben der Menschen abgeschnitten werden. Bei Aristophanes hört sich das dann so an:

EIN BETTELPOET (langhaarig und zerlumpt, tritt auf und singt): Wolkenkuckucksburg, die beglückte Stadt, Preise mir, Muse, Mit deiner Hymnen Wohllaut ...

PISTHETAIROS: Was kommt da für ein Wesen? Kerl, wer bist du?

Ein Poet ist unbekannt in dieser jungen Stadt ohne Tradition. Und deshalb soll er erst verscheucht werden, dann abgespeist (mit Almosen), dann dazu benutzt, zu lobpreisen, wie es der neugegründeten Stadt gefällt. So kann das nicht gehen! Und deshalb lernen wir aus dem antiken Stück: Während bei Aristophanes alle Unruhestifter verjagt werden sollen, sind sie nun willkommen. Endlich haben Dichter und Dichterinnen teil daran, zum Gelingen einer besseren Welt beizutragen (Aristophanes tat das seine).

Ja, heute, in Linz, sind es weder Vögel, die den utopischen Raum bevölkern noch in Vögel verwandelte Menschen, die sich auf der Flucht vor Geldeintreibern befinden, sondern - neben den anderen Veranstaltungen, die im Wolkenkuckucksheim stattfinden - Schreibende. Lesende und Hörende auch. Und die Schriftstellerinnen bekommen nicht nur Asyl, sondern das Linzer Wolkenkuckucksheim wird sogar zu dem Zwecke eigens genutzt, immer freitags, ein Leseraum unter freiem Himmel zu sein. Das ist gut. Das ist richtig. Das ist es, was eine Stadt braucht, um zu dem Ort zu werden, den wir uns erträumen. Denn das Ersinnen von Möglichkeiten ist nicht allein Grundlage aller Utopie, sondern zudem das Feld, das von der Literatur beackert wird, die bekanntlich alle Räume der Möglichkeiten öffnet, uns durchlüftet und dazu einlädt, sie nicht nur zu betreten, sondern an die eigene Realität anzubinden. Abzuheben und gleichsam zu erden. Und damit ist die Idee, den gesamten Sommer (bis zum 15.9.) eine Lese-Reihe auf dem Höhenrausch-Dach stattfinden zu lassen, um uns zu berauschen, eben nicht realitätsfern wie es dem antiken Vorbild nachgesagt wird, sondern der Versuch, Realitäten zu schaffen in Zeiten, in denen es nach eben solchen neuen Ideen und deren Umsetzung verlangt. Im Obergeschoss der Containerbar müssen wir nicht erst das Ende der Komödie mit allen Verwicklungen abwarten, um zu erkennen: Es ist ein guter Ort. Ein möglich gewordener Ort.

Und so sind alle, die sich in luftige Höhen und in Möglichkeits-Räume begeben wollen, alle, die sich nach AutorInnen-Begegnungen sehnen, die nun schon eine längere Zeit entbehrt werden mussten, alle, die neue (geistige) Nahrung suchen, eingeladen, einer der sogenannten Luftschloss-Lesungen beizuwohnen. Wer weiß, vielleicht sind ja doch auch schräge Vögel darunter, bunte sicherlich, oder es schaut der eine oder andere Vogel zu und lässt sich füttern mit (menschlichen) Perspektiven, mit Sprache, mit Visionen. Mit Wörtern, Gedanken und Erleben. Mit dem zutiefst Humanen. Nicht wir müssen zu Vögeln werden, um die bessere Stadt zu gestalten, sondern uns mit Hilfe der Literatur auf dieses Menschliche besinnen. Und der Gefahr, den Sinn für Realität zu verlieren, kann dabei gefahrlos begegnet werden. Im Gegenteil: Nehmen wir, was wir hören und erfahren aus dem Zwischenreich mit hinunter auf die Erde und bauen auch dort an einem besseren Ort.

Vom 3. 7. bis 15. 9.2020 lesen keine Bettelpoeten, sondern Autoren und Autorinnen unserer Zeit, jeden Freitag um 19 Uhr aus eigenen Werken und aus denen bereits verstorbener Schriftsteller und Schriftstellerinnen:

14. 8.: Marianne Jungmaier
21.8.: Lisa-Viktoria Niederberger
28.8.: Stephan Roiss
4.9.: Robert Prosser
11.9.: Mercedes Spannagel

OK-Dach im OÖ Kulturquartier

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