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Linz Panorama Donaulände
18.01.2021

Missing Linz 3: Schreibklausuren im Blütenmeer

Roland Gnaiger, Architekt und ehemaliger Professor an der Kunstuni Linz, war viele Jahre als arbeitsamer Morgenmensch in Linz unterwegs. Der Vorarlberger verknüpfte gerne das Dienstliche mit dem Schönen und schrieb an Publikationen häufig im Botanischen Garten.

Sie sind gebürtiger Bregenzer und blicken auf zahlreiche Lebensstationen in ganz Österreich zurück. 2019 fand ihre Emeritierung als Professor an der Kunstuni Linz statt. Ist Ihnen der Abschied schwer gefallen?

Auch wenn ich 23 Jahre Leiter der Studienrichtung Architektur war, habe ich mich vollkommen leicht und beschwingt von der Aufgabe gelöst. So gerne wie ich jeden Tag in die Arbeit gegangen bin, so gerne bin ich auch weggegangen. Als freischaffender Architekt bleibt mir noch immer genug zu tun. Ich lebe nun wieder im Bregenzer Wald, in dem Haus, in dem ich vor vielen Jahren mein Architekturbüro gegründet habe. Corona hat den Umzug dorthin, wo man sich ohne große Einschränkungen bewegen kann, umgeben von Garten und Wald, beschleunigt. Da aber schon in meiner Kindheit Stadt und Land stets parallel existierten und ich die Gegensätze sehr schätze, geht mir Linz oder die Linzer städtische Szene schon ein bisschen ab.

Was vermissen Sie an Linz?

Ich hatte das Privileg, ganz im Zentrum zu arbeiten und zu wohnen. Unser Institut an der Kunstuniversität hatte eine Fensterreihe zum Hauptplatz und eine zur Donau bzw. zum Pöstlingberg. Wir residieren dort nobler als der Bürgermeister. Diese Gegend ist sicher der reizvollste Teil von Linz und einer der schönsten Altstadtbereiche, die wir in Österreich haben. Tritt man 50 Meter vor das Haus, steht man direkt an der Donaupromenade.

Ehe ich morgens von meiner Wohnung diagonal über den Hauptplatz zur Uni ging, konnte ich direkt vor der Haustüre einen Kaffee in der Sonne genießen. Das geht mir ab. Ich vermisse die  hervorragende Linzer Gastronomie – von den gestandenen Gasthäusern bis hin zu den Asiaten und Bäckereien. Egal ob von der Wohnung oder der Universität, innerhalb von drei bis fünf Minuten war ein attraktives Lokal zu Fuß erreichbar.

Blick auf den Pöstlingberg

Typisch Linz ist für Sie ...?

Die Entspanntheit und Freundlichkeit der Menschen, die dort leben. Man kommt mit den Linzerinnen und Linzern schnell ins Gespräch, sie sind offen, sie sind herzlich. Ich empfand es als Privileg dort zu sein.

Hatten Sie Lieblingslokale?

Das Café „Meier am Pfarrplatz“ frequentierte ich vermutlich am öftesten. Ich mochte den sonnigen Gastgarten und dass es auch warme Speisen für Zwischendurch gab. Im Altstadtcafé „Friedlieb und Töchter“ war ich ebenfalls immer gerne. Da kommt dazu, dass es von einer meiner ehemaligen Diplomandinnen, gemeinsam mit einer Freundin  gegründet wurde und geführt wird. Bei der liebevoll und intelligent gestalteten Einrichtung kam ihr das Architekturstudium bestimmt zu Gute.

Auch die „Hofbäckerei“ ist ein zauberhafter, unglaublich nostalgischer und romantischer Ort, mit ihrer kuriosen monarchistischen Anmutung und ihrem historischen Sammelsurium. Dort habe ich mich gerne zu Frühstücks-Arbeits-Gesprächen getroffen. Hatte ich Zeit genug, ging ich an Sommerabenden in den „Klosterhof“ mit seinem wunderbaren Gastgarten voller Kastanienbäume. Ich könnte noch sechs, sieben weitere gute Lokale in Hauptplatznähe aufzählen. All diese guten Plätze machen einen Ort zur Heimat.

 

Lieblingscafes in Linz

Was haben Sie in Ihrer Freizeit unternommen?

Ich bin ein Morgenmensch. Meist war ich um schon um sieben Uhr an der Uni, da ich um diese Zeit noch ungestört arbeiten konnte. Zu Mittag ging ich mitunter für einen Powernap kurz in meiner Wohnung vorbei. Am Abend spazierte ich oft über den Römerberg auf den Freinberg oder entlang der Donaupromenade. Und hin und wieder verschlug es mich in eines der Programmkinos, z. B. in das City-Kino oder ins Moviemento. Beide sind in drei bis fünf Minuten vom Hauptplatz zu Fuß erreichbar.

Einer meiner Linzer Lieblingsplätze aber war und ist der Botanische Garten. Ich besaß für ihn eine Jahreskarte. Wenn ich in Ruhe an einem wichtigen Text arbeiten wollte, ging ich auch untertags in knapp 20 Minuten dorthin. Mit Laptop oder Schreibblock saß ich oft drei, vier Stunden – je nach Jahreszeit in der Sonne, unter Bäumen oder im Blütenmeer. Ein traumhaft schöner Platz, den ich wie „meinen Hausgarten“ benutzt habe. Meine Studierenden haben sich an diesem Ort meine Abschiedsvorlesung gewünscht, das macht ihn mir im Rückblick zu etwas Besonderem.

Botanischer Garten Linz

Erst kürzlich haben Sie in DIE PRESSE einen Aufruf zu mehr Schönheit im Alltag getätigt. Wo haben Sie in Linz Schönes gefunden bzw. erlebt?

Wie gesagt, der schönste Platz für mich war der Botanische Garten. Im Stadtraum gefällt mir der Pfarrplatz, wo es weniger Stilbrüche als am Hauptplatz gibt. Was mich – nicht nur als Vorsitzender der Wettbewerbsjury – besonders freut, ist die ausgezeichnete Gestaltung des neuen Quartiers der OÖ Nachrichten. Das Ensemble ist ein Meisterwerk, eine subtile Einbindung in das historische Gefüge und eine Bereicherung der gesamten Stadt, österreichweit sicher eine der gelungensten städtebaulichen Implementierungen.

 

Angenommen Sie wären Chefplaner von Linz und hätten vollkommen freie Hand. Was wären Ihre drei wichtigsten planerischen Maßnahmen für die Stadt?

Eine spannende Frage. Hätte ich völlig freie Hand, nähme ich drei Punkte in Angriff: Zuerst würde ich eine Hochhausstudie veranlassen: Wo sind Hochhäuser sinnvoll, wo nehmen sie der Stadt etwas weg, ohne ihr etwas zurück zu geben. Als zweiten Punkt würde ich Szenarien für eine Stadterweiterung erstellen, etwa für das Frachtbahnhof-Areal. Dort sollte Stadt entstehen, keine Ansammlung von Einzelobjekten. Die Europaallee in Zürich wäre dafür ein lohnendes Vorbild. Schließlich würde ich versuchen, ungenutztes Potenzial wach zu küssen. Mit wenigen, klug gesetzten Interventionen ließe sich an manchen Stellen hohe Wohn- und Aufenthaltsqualität schaffen.

 

Was denken Nicht-Linzer über Linz?

Ich vermute, dass Linz zumindest für jeden österreichischen Nicht-Linzer eine Überraschung ist. Die Erwartungen an die Stadt hängen ja nicht so hoch wie bei Salzburg oder Innsbruck. Aber Linz hat sich toll entwickelt, die urbane Atmosphäre ebenso wie die Linzer Luft. Die politische Entscheidung, sich von der Industriestadt zur Kulturstadt zu transformieren, war wohl richtig. Linz hat ja trotzdem noch eine sehr vitale Wirtschaft und Industrie im Rücken.

Die Linzer Peripherie ist hässlich – ein Abstieg, somit ganz normal für eine europäische Stadt. Aus meiner Sicht sind die ambitionierten öffentlichen Neubauten nur bemüht, im internationalen Vergleich halten sie nicht mit. Am besten machen sich noch das Lentos, die neue Eishalle und das Krematorium am Friedhof in Urfahr.

 

Roland Graiger

Roland Gnaiger (*1951 in Bregenz) war von 1996 bis 2019 Leiter der Architekturausbildung an der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz. Er wurde bereits viermal mit dem Österreichischen Bauherrenpreis, 2019 mit dem Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit und 2020 mit dem Kunstwürdigungspreis der Stadt Linz ausgezeichnet.

 

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