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18.09.2020

Das Matriarchat lässt in Linz die Puppen tanzen

Das Linzer Puppentheater feiert dieses Jahr 50-jähriges Jubliäum. Seit Generationen ist der Kasperl und seine Freunde Unterhaltung für Jung und Alt. Dominika Meindl war zu Gast im Puppentheater und hat hinter die Kulissen geblickt.

50 Jahre Frohsinn und Fantasie im Linzer Puppentheater

Die drei Damen, die rund um die Schreiberin Platz nehmen und Schwung ins Theatercafé bringen, wirken bemerkenswert gut eingespielt. „Wir sind ja auch Mutter, Tochter und Enkelin!“, sagt Christa Koinig, und auf das erstaunte „also betreiben das Kasperltheater drei Generationen?“ schütteln alle drei den Kopf. „Nein, wir sind fünf!“, korrigiert Romana Philipp, denn ihre beiden Kindern seien schon wieder fixer Teil des Geschehens, und der historische Anstoß kam von der „Ehrenpräsidentin“ Rosa Koinig, die auch mit fitten 98 noch bei jeder Premiere mitfiebert. „Sie ist unsere Wurzel“, sagt Philipp über ihre Urgroßmutter. „Meine Mutter hat damals einen Puppenbau-Workshop besucht und nachher gesagt, Christa, das das könnte dir auch gefallen“, erzählt Koinig. Die Schreiberin wirft einen Blick in die Runde und fragt sich kurz, ob an der bescheuerten Verschwörungstheorie nicht doch etwas dran ist und man Kindern wirklich ihre Lebensenergie abzapfen kann, um unsterblich zu werden. Das Puppentheater ist offenbar ein Jungbrunnen, als Beweis dient diese Dynastie.

Angefangen hat alles mit einem Kasperltheater bei der Geburtstagsfeier für Christa Koinigs Tochter Bettina. Im Herbst darauf gab es die erste öffentliche Darbietung, der Zuspruch war von Beginn an so groß, dass sich damals ein paar Freunde entschlossen, regelmäßige Vorstellungen anzubieten, und Christa Koinig den Verein „Erste Linzer Puppenbühne“ gründete. Koinig ist bis heute künstlerische Leiterin und wirkt bei jeder Vorstellung hinter der Bühne mit. Sehr bald war auch Bettina Bayr-Gschiel an Bord. Ihre erste Rolle war ein stimmloses Stinktier. Nach diesen „humble beginnings“ ging es für sie karrieremäßig aber schnell bergauf, heute spielt sie den Drachen Basti und die Hexe Zwiderwurz, dazu ist sie Leiterin der Sonderprojekte; ihre Tochter Romana ist mittlerweile Geschäftsführerin. Den Spaß, selbst zu spielen, lässt sich keine der drei nehmen. Insgesamt sieben Frauen (zur Familie kommen noch Franziska Pangratz sowie Nicola und Amaryllis Baschant) arbeiten vor und hinter der Bühne, allesamt professionell geschult, was Stimme, Schauspiel oder Kulturmanagement betrifft. „Ein Puppentheaterbesuch bedeutet für alle Kinder ab drei Jahren meist die erste Begegnung mit Kultur“, sagt Philipp, da habe man eine große Verantwortung. 

Die Zahlen aus fünf Jahrzehnten sind imposant: mehr als 10.000 Vorstellungen, mehr als eine halbe Million große und kleine Menschen im Publikum. Mittlerweile kommt die erste Generation mit den Enkelkindern zum Kasperlschauen. Weit mehr als mehr als 500 Geschichten hat Koinig seither geschrieben, und mehr als 300 Puppen gebaut; sie seien ihre erweiterte Familie und die besten Freunde der Kinder, jede habe einen eigenen Charakter, eigene Macken und Stärken.

Es ist nicht übertrieben, Christa Koinig als Pionierin der Kinderkultur zu bezeichnen, und zwar nicht nur in Linz. Von 1983 bis 1988 war das Linzer Puppentheater Teil des ORF-Fernseh-Kasperltheaters am Mittwoch (die Autorin – einst Teil der Zielgruppe – wird kurz nostalgisch). „Thomas Brezina war damals Regieassistent, er war eh recht lieb“, sagt Koinig.  Sie hat zudem 1998 die Kinderklangwolke entwickelt und etabliert, jahrelang war sie verantwortlich für Text, Regie und Gesamtorganisation. Seit 30 Jahren hat das Linzer Puppentheater seine fixe Bühne im Kuddelmuddel (das Kinderkulturzentrum mit dem Namen voller „D“, von denen man bei richtiger Dialektaussprache kein einziges hört), das Koinig auch 20 Jahre lang geleitet hat. Jährlich werden fünf bis sechs neue Produktionen gespielt, dazu kommen Wiederaufnahmen auf den Spielplan, insgesamt gibt es 150 Vorstellungen für rund 10.000 Gäste. Normalerweise.

Mit dem Jubiläum startet im Herbst auch die neue Saison, wenngleich  seuchenbedingt unter erschwerten Bedingungen. Aus dem Lockdown hat das Team das Beste gemacht; die Video-Reihe „Seppys Geschichten“, die Kinderbuchlesungen des Drachen, die Kurzhörspiele für „Die Radio Oberösterreich Kasperlpost"  waren der Renner, für viele Eltern angesichts geschlossener Betreuungseinrichtungen ein Lichtblick. Gespielt wird nur an zwei statt vier Tagen, mittwochs und sonntags. Das Publikum bekommt eigene Warte- und Sitzplätze zugewiesen, sodass es die Maske nur ganz kurz tragen muss. Statt 100 dürfen nur noch 40 Menschen in den Raum. Finanziell ein Fiasko, auch die Stimmung sei nicht so ausgelassen wie früher. Trotzdem wirken die drei Frauen zuversichtlich, wahrscheinlich liegt's am Teamgeist und an der Tradition.

Die Jahrzehnte an Kulturarbeit für die Kleinsten verschaffen den Akteurinnen einen guten Überblick. Was hat sich verändert, was bleibt immer gleich? Was funktioniert für welches Alter, was kann man sich sparen? „Sarkasmus“, sagt Koinig zu Letzterem, „der funktioniert bei den Kleinen noch nicht.“ Für die großen Begleiter baue man aber zwei, drei eigene Gags ein, die dafür immer sehr dankbar seien. Stars sind natürlich der Kasperl, der fesche Seppy (sein bester Freund und der eigentliche Star bei den Kindern) und den Drachen Basti – nein, das ist überhaupt nicht politisch zu verstehen, es gibt zwischen dem beliebten Bühnenreptil und real existierenden Bundeskanzlern keinerlei Verbindung, selbst wenn Bastis Haar türkis zu Berge steht. „Unseren Basti gibt’s schon viel länger!“ stellt Koinig klar.

Ein Happy End ist garantiert, alles andere kommt im echten Erwachsenenleben eh früh genug. „Es ist nicht unsere Aufgabe, den Kindern das zu vermitteln. Der Kasperl weiß immer einen Ausweg“ sagt Bayr-Gschiel. „Was wir auch nicht machen, sind Belehrungen mit dem Holzhammer, zu pädagogisch möchten wir nicht sein. Es geht um die Lebenswelt der Kinder, um wichtige Botschaften. Wenn du zuhause den Kindern sagst, sie sollen ihr Zimmer aufräumen, geht das bei einem Ohr hinein und beim andern gleich wieder hinaus. Aber wenn ihnen das der Kasperl vorspielt, gehen sie gleich aufräumen, wenn sie nach Hause kommen“, erzählt Koinig: „Durch eine Puppe ist es möglich, das Innerste des Kindes zu erreichen, was oft im persönlichen Gespräch nicht möglich ist.“ Das Schönste ist vielleicht die Charakterisierung der Figuren selbst. Der Kasperl und der Lauser Seppy sind keine Musterschüler. „Die bösen Figuren sind bei uns nicht böse, sondern deppert“, sagt Bayr-Gschiel, und die Runde lacht.

Musterschüler sitzen auch im Publikum nicht immer. Wenig überraschend haben sich in den 50 Jahren eine Menge Anekdoten ergeben. Ein Vater fragte etwa, ob er wirklich für sich selbst auch eine Karte kaufen müsse, und als dies bejaht wurde: „I schau eh ned hi!“ Als der Kasperl einmal die rhetorische Frage stellte, ob die Kinder immer ehrlich seien – auf die bis dahin alle Kinder „Jaaaa“ gekräht und dann die Eltern durch „Najaaa...“ ergänzt hatten –, durchbrach ein Kind die Routine mit der Antwort „Doch, I liag scho!“ Überhaupt gebe es Unterschiede, ob man das städtische, etwas bravere Stammpublikum im Haus habe oder draußen auf dem Land ein Gastspiel gebe. „Die Kinder sind dort direkter, wir lernen schnell die lokalen Schimpfwörter kennen“, sagt Bayr-Gschiel. „Würg's wia an Truthahn!“ exemplifiziert Koinig.

Bleibt eine wichtige Frage: Ist es Zufall, dass der Kasperl in Linz ausschließlich in weiblicher Hand ist? „Nein“, sagt Koinig, „die Männer können es einfach nicht!“ Wieder lacht die Runde, bevor sie das wieder relativieren und den Herren, die trotzdem Teil des Ensembles waren, eine gute Nachrede spendieren. „Sie sind als Spieler zu groß“, sagt Romana Philipp, „sie müssen die ganze Zeit in der Grätsche dastehen.“ Die beste Anekdote kommt zum Schluss, und zwar von Koinig. Bei der ausgiebigen Feier nach der Kinderklangwolke, für die Konstantin Wecker die Musik komponiert hatte, erhob der Münchner Star seine Stimme: „Seit ich euch drei kenne, glaube ich wieder an das Matriarchat!“ Die Autorin stimmt vollinhaltlich zu. Im Vorwort der Jubiläumsfestschrift schreibt Christa Koinig über ihre Freude, dass sie nun seit 50 Jahren Geschichten schreiben dürfe, „in denen niemand traurig sein soll, niemand verletzt werden oder jämmerlich zugrunde gehen darf, nur weil er oder sie eben so ist, wie er oder sie ist.“ Wen das nicht rührt, der ist als Bösewicht höchstens auf der großen Bühne des Weltgeschehens geeignet, nicht aber auf der kleineren und gerechteren des Linzer Puppentheaters.

Jubiläum 2020

Das Jubiläum zum 50. Geburtstag wird vom 17. bis 20. September mit Eigenproduktionen und Gastspielen über die Bühne gehen – im Kuddelmuddel, und am 18. September im mittleren Saal des Brucknerhauses, damit möglichst alle neuen und treuen Kasperlfans Platz finden

Linzer Puppentheater

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