VISIT LINZ
27.03.2020

Mein Müli am Pfarrplatz Linz

Elisabeth Krainz-Blum, Inhaberin von „Mein Müli“ am Linzer Pfarrplatz, lässt Lebensmittel und Mittagessen per Fahrradboten ausliefern und bietet Corona-bedingt geschlossenen Geschäften ihren Bio-Feinkostladen als Abholstation für bestellte Waren an.

Ich will meinen Platz retten

Einmal kurz die Corona-Krise ausblenden. Und sich vorstellen, wie das Leben in der Stadt gerade jetzt, gerade heute pulsieren würde. Am Linzer Pfarrplatz zum Beispiel hätten die Cafés Meier und Gerberei ihre Schanigärten geöffnet. Die Menschen genössen Mehlspeisen, Koffein und Frühlingssonne. Im Bio-Laden „Mein Müli“ auf der anderen Seite des Platzes herrschte ein fröhliches Kommen und Gehen.

Doch halt. Während nun der Großteil des Pfarrplatzes wie ausgestorben wirkt, hat sich vor dem Müli tatsächlich eine kleine Menschenschlange gebildet. Im gebotenen Abstand von zwei Metern warten ernährungsbewusste Kundinnen und Kunden, manche von ihnen bereits mit Schutzmasken, auf Einlass in Elisabeth Krainz-Blums kleine feine Genuss-Oase. Die 40-Jährige sorgt dafür, dass auch in Zeiten von CoVid19 niemand in der Linzer Innenstadt auf Obst, Gemüse, Getreide- und Milchprodukte, Fleisch und andere Lebensmittel von regionalen Bio-Landwirtschaftsbetrieben verzichten muss. In Krainz-Blums Worten: „vom Apfel bis zur Zahnbürste“.

2009 übernahm sie selbstständig die Greißlerei, die ab 1975 als Genossenschaftsprojekt heimischer Direkt-Vermarkter geführt worden und nach 34 Jahren in Konkurs geschlittert war. Seither hat sich das Müli als Bio-Nahversorger im Grätzel etabliert und erfreut sich treuer Stammkunden. „Zu uns kommen auch viele ältere Semester und Menschen mit Beeinträchtigungen, weil sie wissen, dass sie von uns persönlich betreut werden und Kleinstmengen kaufen können: eine Karotte oder eine Scheibe Brot – Hauptsache die Qualität stimmt“, erzählt Elisabeth Krainz-Blum.

Nach Linz verschlug es die gebürtige Steirerin der Liebe und der Soziologie wegen. Als Studentin wurde sie auf die Müli-Kooperative aufmerksam, begann mitzuarbeiten und hielt vor dem Konkurs sogar einen kleinen Gesellschafteranteil. „Das muss doch besser gehen“ war ihre Devise, als sie die Weiterführung des Ladens auf eigene Faust versuchte. Krisenfestigkeit, Mut zur Innovation und soziales Gespür waren und sind die Ingredienzien, mit denen Krainz-Blum auch in schwierigen Zeiten positiv bilanziert.

Bei der Auswahl ihrer aktuell sieben Mitarbeiterinnen setzt Elisabeth Krainz-Blum auf motivierte Kräfte, die ihr an Alter und Erfahrung mindestens ein Jahrzehnt voraus sind. „Sie sind froh um ihren Arbeitsplatz, extrem loyal und identifizieren sich mit dem Betrieb“, argumentiert Krainz-Blum. Aufgrund der aktuellen Ansteckungsgefahr hat sie die über 60-jährigen Mitarbeiterinnen momentan freigestellt, damit sie ihre geleisteten Überstunden abbauen.

Wer anderen eine Rutsche legt...

Die Reaktionen auf ein Naturereignis wie die Corona-Pandemie reichen von Resignation bis „endlich Zeit, mal Neues auszuprobieren“. Elisabeth Krainz-Blum gehört eindeutig zur letztgenannten Gruppe. Unmittelbar nach der Sperre aller Gastronomiebetriebe begann das Müli, den täglich frisch gekochten Mittagstisch per Fahrradboten in ganz Linz und die Nachbargemeinden im Speckgürtel auszuliefern. „Damit versorgen wir nicht nur unsere Stammgäste im Home-Office mit qualitativ hochwertigem Essen, wir schaffen auch zusätzliche Einnahmequellen für die Fahrradboten, denen Corona-bedingt Kunden wie Druckereien und Agenturen abhandengekommen sind“, sagt Elisabeth Krainz-Blum. Viele Müli-Besucher, insbesondere Seniorinnen und Senioren, bestellen ihren täglichen Einkauf nun per Telefon, das Müli-Team konfiguriert die Pakete und schickt die radelnden Boten los.

„Eigentlich bin ich eine Krisengewinnerin“, meint Elisabeth Krainz-Blum. Genau deshalb greift sie benachbarten Unternehmen im Grätzel zwischen Pfarrplatz und Hauptplatz, deren Geschäfte momentan stillstehen, solidarisch unter die Arme. „Ich will meinen Platz retten und anderen eine Rutsche legen“, so die Müli-Chefin. Und im Handumdrehen ist die Greißlerei auch Abholstation für bestellte Leseware der Buchhandlung Alex, für Bio-Textilien von Stoff.Art, für Angebote des papiertiger sowie für die beliebten Kuchen der Gerberei. Das so generierte Einkommen helfe den Nachbarn zumindest, ihre Fixkosten zu decken.

„Linz ist ein Dorf. Das meine ich ganz positiv. Man kennt einander und schaut aufeinander. Warum soll es in Krisenzeiten anders sein?“ fragt Krainz-Blum. Trotzdem legt auch sie Wert auf die Einhaltung der geltenden Sicherheitsbestimmungen: „Wir versuchen unseren Kunden zu vermitteln, wie wichtig das Abstandhalten ist und dass ein Einkauf derzeit nur so lang wie nötig und so kurz wie möglich dauern soll“. Krainz-Blum ist klar, dass der Schutz der Mitarbeiterinnen trotz aller Hygienemaßnahmen problematisch ist. „Wir sind uns alle dessen bewusst, dass wir über kurz oder lang zu den Erkrankten zählen werden“, so die Geschäftsfrau illusionslos.

Wenn die verheiratete Mutter einer Tochter morgens von Urfahr in die Linzer City radelt, erlebt sie den Pandemie-bedingten Wandel. Elisabeth Krainz-Blum: „Linz ist leer. Wie an einem normalen Sonntag um sechs Uhr früh. Ich vermisse das pulsierende Leben der Innenstadt, das Flanieren und die Geselligkeit. Ich hoffe, der Virus hält uns nicht mehr lange in Schach“.

Mein Müli

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