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13.03.2020

Alex – mehr als eine Buchhandlung

Viele Kunden der Buchhandlung Alex am Hauptplatz erzählen, sie können das Geschäft nur selten verlassen, ohne zumindest eine Lektüre gekauft zu haben. Wer diese „Oase des Geschriebenen“ betritt, kann das nachvollziehen: Die Regale sind bis an die Decke mit Büchern gefüllt, und in der Mitte des Raumes steht eine lange Tafel mit Neuerscheinungen und Besonderheiten aller Genres.

Eine Stadt soll sich nur nennen, was über mehr als drei standesgemäße Buchhandlungen verfügt. Anders kann der wertvolle Gewissenskonflikt nicht entstehen, der Menschen mit Hang zum Gedruckten umtreibt: „Zu wem tragen wir unser Geld?“ In lesenden Familien wird die Vorliebe vererbt. Meine Eltern sahen es sehr gern, wenn wir sie zum „Korb“ begleiteten, da waren sie noch spendabler als gewöhnlich. Liebe Verwandte bescherten mir zur Sponsion einen glücklichen Tag, als ich mit einem ordentlichen Gutschein die Bücher nach Kilo kaufte. Aber schnell vergehen die Zeiten. Der „Korb“ war in jüngster Vergangenheit auch leider nicht der einzige in der Innenstadt, der aufgeben musste. Irgendwann musste ich mich entscheiden. Folge ich der Familie zum Fürstelberger? Höchst ansprechend, nichts hätte dagegen gesprochen. Meine Schwester soll hier übrigens lobend erwähnt werden, sie verteilt ihre Literatureinkäufe demokratisch auf alle Buchläden der Innenstadt.

Und doch ist es der „Alex“ geworden. Nicht nur, weil meine erste Linzer Wohnung ums Eck lag – die zentrale Lage am Hauptplatz hat schon was. Und die Wahl ist noch nicht ganz damit erklärt, dass die Freundinnen dort einkaufen oder gar arbeiten. Auch es ist herzerwärmend, wenn einen der Chef mit „Griasdi, Schatzi“ begrüßt. Aber das ist noch nicht alles. Man hat ja durchaus professionelle Ansprüche ans Sortiment! Wer die relevanten Neuerscheinungen sucht, findet sie auf dem acht Meter langen Tisch, dem Herz des Geschäfts – sowohl die marktüblichen als auch die Schätze im Kehrwasser des Mainstreams. Unentschlossene können sich über mangelnde Vorschläge wahrlich nicht beklagen. Die Sachbuchauswahl ist exzellent, die Belletristik fast lückenlos. Die Schwerpunkte liegen auf Literatur, Kunst, Architektur und Philosophie, bevorzugt aus Österreich oder von kleineren Verlagen. Höchst anzurechnen ist dem „Alex“, dass einige Laufmeter Regal Autorinnen und Autoren aus dem Nahbereich vorbehalten sind und dass der Verkauf ihrer Veröffentlichung auch nach Kräften gefördert wird. Ich spreche aus dankbarer Erfahrung; mein erstes Buch „In der Heimat der Fußkranken“ ist zu 87 Prozent über diesen Ladentisch gegangen. 

Seit 1987 betreibt Alex Stelzer seine Buchhandlung. Gespür hat er auch bei der Auswahl seiner Mitarbeiterinnen: Es ist angenehm egal, mit wem man gerade zu tun hat, sie haben alle das mit der Kompetenz ebenso drauf wie mit dem Charme. Es ist ein kleines Mysterium, wie sich im Inneren der Buchhandlung Raum und Zeit dehnen. Was da alles Platz hat – wie schnell die Zeit beim Stöbern vergeht! Geht es mit rechten Dingen zu? Kurios auch, wie viele Menschen hier reinpassen: Kurz vor Weihnachten ist es fast so wie im Klassiker „Das Leben des Brian“, in dem eine ganze Kohorte Römer locker in einer Kammer verschwindet. Es ist schade, wenn man in Eile nur schnell ein Buch abholen möchte, denn wenn einen nicht das charmante Personal in eine Fachplauderei verwickelt, trifft man garantiert die angenehmsten Bekannten.

Ein tatsächliches Mysterium ist die Treffergenauigkeit von Alex' Empfehlungen. Das wage ich nicht bloß als Literaturkritikerin zu beurteilen, sondern schlicht als Konsumentin, da sämtliche Familienmitglieder einen ganz eigenen Buchgeschmack haben. Immer wieder probiert – es hat ein jedes Mal gepasst. Und wie schafft es dieser Stelzer, den Eindruck zu erwecken, sämtliche Neuerscheinungen total sinnerfassend gelesen und in die Literaturgeschichte eingeordnet zu haben?! Als Literaturkritikerin glühe ich vor Neid! Nein, der Neid ist hässlich – es ist Anerkennung.

Fotos: © Tom Mesic

 

 

Buchhandlung ALEX

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