VISIT LINZ
21.04.2020

Ein Festival kann man nicht verschieben. Oder?

Das Crossing Europe quert den Kontinent heuer nur virtuell.

Die Enttäuschung war groß und in der ganzen Stadt spürbar, als eines der beliebtesten und sympathischsten Filmfestivals des Landes abgesagt werden musste. Das Motto lautet heuer „Canceled but active!“ Deswegen wird das Crossing Europe trotzdem gestartet, nur eben per Live-Übertragung auf dem Sender dorf tv. Danach verlagert sich der Kinosaal in die vier Wände des Publikums. Wir sprechen mit der Festivalleiterin Christine Dollhofer über Enttäuschungen, Hoffnungen und warum sie lieber keine Diktatorin sein möchte.

Wie fühlt sich Ihr Leben gerade an?

Auf den ersten Blick hat sich für mich persönlich wenig verändert, ich gehe nach wie vor jeden Tag ins Büro. Ich wohne ja um die Ecke. Für diese Routine bin ich dankbar. Und es ist wahnsinnig viel zu tun. Ich befinde mich aber in der luxuriösen Situation, dass ich meiner Arbeit nachgehen kann. Die Rückabwicklung durch die Festivalabsage und die Umsetzung der Alternativprojekte stehen gerade im Zentrum meiner Tätigkeit. Am Abend komme ich müde heim, dann schaue ich noch ein wenig „Corona-Fernsehen“...

 

Abgesehen von der Verschiebung des Festivals – was ist für Sie die größte Veränderung?

Die leergefegte Stadt, das ist schon unheimlich. Und diese Ausweichmanöver, wenn man doch einmal jemandem begegnet... Linz funktioniert niederschwellig, man erfährt sehr viel, weil man sich begegnet. Es fehlt schon sehr, dass man sich nicht mehr austauschen kann.

 

Nerven Sie diese ganzen ruckelnden, verpixelten, zeitverzögerten Videokonferenzen auch so?

Ach, das geht schon. Wenn ich mit mehreren Leuten kommunizieren will, geht das nicht anders. Und wenn ich dem ORF ein Interview gebe, müssen die ja was mitschneiden können. Ich habe jedenfalls einiges über diese Kommunikationstechniken gelernt in letzter Zeit!

 

Jetzt kommen wir aber endlich zum Festival! Man könnte ja sagen, ok, das ist nicht so schlimm, einen Film kann ich eh zuhause streamen...

Crossing Europe ist ein soziales Event, es geht um kollektives Erleben. Die Workshops, die Jugend-Schiene, die Nightline und die Filmgespräche vor Ort – das kann man nicht online ersetzen. Wir hatten ja Gäste aus ganz Europa eingeladen und mussten knapp 700 Hotelnächte stornieren. Das ist natürlich sehr bitter, aber anders geht es jetzt nicht. Und das Wetter wäre fantastisch gewesen! Nicht zu kalt, nicht zu warm, gerade recht, um zwischen den Filmen auch ein Bier auf dem OK-Platz zu trinken... [Dollhofer seufzt, die Autorin auch.]

 

Trotzdem findet das Crossing Europe heuer statt – online.

Wir haben mehrere Varianten durchgespielt. Wir planen, einzelne Module im Herbst zu zeigen, etwa das VALIE EXPORT Tribute im Rahmen des Ars Electronica Festivals. Das Festival als solches kann man nicht verschieben. Aber wir möchten einen kleinen Beitrag zur Aufrechterhaltung des filmkulturellen Lebens leisten. Deswegen haben wir aus den 157 Filmen und allen Sparten, die wir zeigen wollten, zehn ausgesucht: Zehn Filme aus zehn verschiedenen Ländern in zehn verschiedenen Sprachen können über die österreichischen Video-on-Demand Plattformen KINO VOD CLUB und Flimmit ein Monat lang gestreamt werden. [Mehr dazu unten in der Linksammlung.]

 

Wären Sie eine freundliche, cineastische Diktatorin, welche drei Filme müsste sich Ihr Volk jetzt in der Quarantäne ansehen?

Haha! Als Diktatorin würde möchte ich gar nicht tätig sein, sondern ich wertschätze den individuellen Geschmack des Publikums. Aber gerne kann ich Filme aus unserem Angebot empfehlen.
Die erste Empfehlung wäre der Festivalabend auf dorf tv am 21. April um 20 Uhr – hier läuft der Film MICHA SHAGRIR – THE LINZER CANDY BOY (Regie: Michael Pfeifenberger) ein wunderbares Porträt, quasi eine Hommage an den in Linz geborenen israelischen Produzenten und Filmemacher Micha Shagrir, der leider schon vor fünf Jahren verstorben ist, aber die Jahre davor regelmäßig Gast bei Crossing Europe war, und der zu seiner Geburtsstadt neue Bande geknüpft hat.
Der zweite Tipp ist WHEN TOMATOES MET WAGNER, eine kurzweilige Globalisierungsdoku aus Griechenland. Gedreht in einem kleinen Dorf, wo mit viel Liebe Tomaten gezüchtet werden und an einer feinen Rezeptur für den Export von Tomatensauce gearbeitet wird. Der dritte Tipp ist der Spielfilm THE FORGOTTEN, er führt uns in die Ostukraine, in das von Separatisten besetzte Gebiet in Donezk, wo eine junge Lehrerin zwischen die Fronten gerät und Zivilcourage zur existenziellen Bedrohung wird. Eindringlich von der jungen ukrainischen Regisseurin Daria Onyshchenko umgesetzt.

 

Welcher Film hat Sie in der gesamten Crossing-Europe-Geschichte am meisten beschäftigt?

„Six Million and One“ von David Fisher, ein Dokumentarfilm des Sohnes eines Holocaustüberlebenden, der das Konzentrationslager Gusen und die Zwangsarbeit im Stollen von St. Georgen überstanden hat. Auf Basis der Tagebücher des Vaters reist der Regisseur David Fisher gemeinsam mit seinen Geschwistern an die Orte des Grauens. Es war sehr erhebend, die gesamte Familie Fisher zur Eröffnung des Festivals begrüßen zu dürfen. Zudem ist es uns seit Anbeginn des Festivals ein Anliegen, Filme zu Zeitgeschichte-Themen im Programm abzubilden.

 

Gibt's eigentlich ein Spezifikum der Linzer Filmszene?

Spartenübergreifend, vernetzt sowie überaus kollegial – das wäre aus meiner Sicht spezifisch für die Linzer Kunst- und Kulturszene ganz allgemein. Und das trifft auch auf die Filmszene zu, die ja ebenfalls sehr interdisziplinär arbeitet. Das Zusammenspiel von Kunstuniversität, Freier Szene, aber auch der FH Hagenberg bringt viele Talente zutage. Hinzu kommt hier, dass sehr innovative Formate entwickelt werden, die sich eher im dokumentarischen, experimentellen und Animationsbereich ansiedeln, dass also eher kürzere Formate oder Low-Budget- Produktionen entstehen. Das ist auch der Tatsache geschuldet, dass die lokalen und regionalen Filmfördertöpfe im Vergleich eher sehr klein gehalten sind.

 

Wie geht’s den Filmschaffenden gerade – in Europa, in Linz?

Jetzt steht einfach alles, es gibt einen totalen Verwertungsstau. Es kann nur an Drehbüchern oder in der Postproduktion gearbeitet werden. Es ist hier wie für alle im Kulturbetrieb hart, weil eine riesige Ungewissheit herrscht. Auch auf den fetten, dystopischen Hollywood-Schinken zu Corona wird man noch warten müssen.

 

Was kein Fehler ist... Worauf freuen Sie sich am meisten in der Zeit nach Corona?

Wieder Leute treffen zu können! Auf den persönlichen Kontakt!

 

Ohja. Ok, dann treffen wir uns auf ein Bier auf dem OK-Platz, sobald es soweit ist!

Crossing Europe Film Festival

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